Verschwörer sind immer die anderen

Über den Sinn mythischer Sprechweisen und den Unsinn, sie faktisch widerlegen zu wollen

Alle reden über Verschwörungsmythen, aber natürlich sind es immer die anderen, die sie verbreiten. Doch was ist eigentlich ein Mythos? Schon in den 1950er Jahren befasste sich mit dieser Frage der französische Literaturwissenschaftler Roland Barthes und kam zu dem banal anmutenden Ergebnis, dass der Mythos eine Aussage sei. Eine Aussage allerdings, die sich stets in der Schwebe befindet, die sich weder am sprachlichen (oder bildlichen) Zeichen festmachen lässt, noch im Inhalt aufgeht oder in dem, worauf sie deutet.

Was haben uns Barthes Texte für die heutige Mythenbildung noch zu sagen? Und warum betreffen seine Thesen nicht etwa nur die “Ungebildete” oder “Verschwörungserzähler”, sondern auch die professionellen Vermittler von Wirklichkeit und Wissenschaft?

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Sein blaues Wunder erleben – oder doch eher hören?

Über den Sinneswandel einer Redensart

Wer sein blaues Wunder erlebt, darf sich sicher auf eine Überraschung gefasst machen. Aber woher stammt die Redensart eigentlich? Warum ist das Blaue unangenehm oder trügerisch? Hat dies wirklich etwas mit dem Handwerk der Tuchmacher zu tun, wie schon oft angenommen wurde? Oder hat das Blau vielleicht noch eine andere, uns heute verborgene Bedeutung?

Blau als Farbe der Uneindeutigkeit

Die Farbe Blau ist viele Verbindungen eingegangen, die etwas mit Täuschung oder Illusion zu tun haben. Nicht nur der blaue Dunst vernebelt uns die Sinne. Wir lügen das Blaue vom Himmel herab oder fabulieren ins Blaue hinein. Wir unternehmen eine Fahrt ins Blaue, also ins Ungewisse, Unbekannte.

Dem Duden Herkunftswörterbuch zufolge wurde uns ursprünglich nicht schwarz, sondern blau vor Augen, wenn eine Ohnmacht drohte. Dieser ganz besondere Schwindel wird also durch die Farbe Blau repräsentiert. Aber auch das Besondere, Einzigartige drückt sich darin aus. Das Ungewisse der Farbe Blau muss also nicht immer negativ sein.

In der Redensart „sein blaues Wunder erleben“ steckt jedoch eine vehemente Drohung. Denn wer sein blaues Wunder erlebt, wird auf eine negative Weise überrascht. Darüber hinaus umfasst die Redensart häufig den Charakter einer Strafandrohung.

Blaues Tuch und blauer Rauch

Die Herkunft der Redensart „sein blaues Wunder erleben“ wird häufig auf das Handwerk der Tuchfärber zurückgeführt. Durch eine chemische Reaktion verfärbten sich grün oder gelb eingefärbte Tücher in blaues Tuch. Der Betrachter erlebte tatsächlich ein blaues Wunder. Einer anderen Deutung nach geht die Redensart auf die Vorführungen von mittelalterlichen Gauklern zurück. Diese verwendeten für ihre Tricks und Zauberkünste blauen Rauch, der verbarg, was beim Publikum für Überraschungen sorgte.

Am Anfang der Redensart hätte demnach die Faszination am blauen Wunder gestanden. Im Laufe der Jahrhunderte aber wurde daraus die Angst vor etwas Negativem. Doch scheiden sich an diesen Erklärungen zum blauen Wunder auch heute noch die Geister.

Blaues Wunder hören, sehen, erleben

Doch nicht allein die Farbe Blau ist für die Bedeutungsbestimmung von Interesse. Auch das Verb, das die Redensart begleitet, muss betrachtet werden. Denn bevor man sein blaues Wunder erlebte, konnte man es bereits sehen und noch früher hören. So jedenfalls beschreibt es Christiane Wanzeck, die sich mit der Herkunft und Geschichte zahlreicher Farbwortverbindungen befasst hat.

Wanzeck zufolge hörte man sein blaues Wunder gegen Ende des 14. Jahrhunderts dann, wenn jemand eine unwahre Geschichte erzählte. Aus der unwahren Geschichte wurde dann im Laufe der Jahrhunderte eine unglaubliche Geschichte, ein Wunder, das sichtbar gemacht werden sollte. Man sah dann sein blaues Wunder. Erst im 20. Jahrhundert soll daraus die Wendung in Verbindung mit dem Verb „erleben“ abgeleitet worden sein.

Eine bekannte Redewendung, die sich sehr schön in eine Geschichte der Sinne und der Entstehung von Sinneseindrücken einbetten ließe. Für mich einmal mehr Anlass, genau zu beobachten, wie sinnliche Wahrnehmung funktioniert und ob ein Bild tatsächlich nur aus visuellen Eindrücken entsteht.

Literatur:

Duden. Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 2., völlig neu bearbeitete Auflage, Hg. von Günther Dodrowski. Mannheim/Wien/Zürich:1989, S. 86.

Wanzeck, Christiane: Zur Etymologie lexikalisierter Farbwortverbindungen. Amsterdam, New York 2003. Seite 316 ff.

6 Tipps zum Texten, die ich nicht mehr hören kann

So lernen Sie besser schreiben. Oder: 10 Tipps, die Ihre Texte verbessern. Oder irgendwas mit einer Zahl, Tipps und besser, einfacher, werbewirksamer. Es kommt der Moment, da verstehst du: Du musst diesem Link im Newsletter nicht folgen. Du weißt eh, was drinsteht. Wolf Schneiders Lebenswerk als Zehnpunkteprogramm. Der kleine Katechismus des Schreibens, der dazu führt, dass alles irgendwie gleich klingt. Verständlich. Kurz. Kein Passiv, kein man. Bildchen rein, Grafiken rein, Füllwörter raus.

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