Der Arten des Sterbens sind viele – Teil 9

“Etwas Besseres als den Tod findest du überall”, sagte der zu den Bremer Stadtmusikanten gehörende Esel zum Hahn. Schon in jungen Jahren störte mich etwas an dieser Formulierung. Ich empfand es als wenig schmeichelhaft für eine Stadt, gerade mal besser als der Tod zu sein.

Als Eleonore mir während einer unserer Zusammenkünfte dann von Marie erzählte, die sich gemeinsam mit ihrer Schwester aus dem 600-Seelen-Dorf Obermeiser aufgemacht hatte, in Bremen ihr Glück zu finden, war ich voller Zustimmung für ihre Art, die Dinge zu betrachten. Denn manchmal muss man viele dunkle Wälder durchqueren, um zu bemerken, dass das Glück nicht im Besseren, sondern im Guten wohnt.

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Der Arten des Sterbens sind viele, Teil 8

„Es ist schwierig“, sagte Eleonore, als wir uns erneut trafen, „ich bekomme nicht wirklich Kontakt.“ Ich horchte auf, denn dies war der Tag, vor dem ich mich am meisten gefürchtet hatte. „Vielleicht weil wir nicht wirklich verwandt sind“, sagte ich zaghaft. „Er ist ja nicht der leibliche Vater meiner Mutter, also, vielleicht funktioniert es dann nicht?“ Streng erwiderte sie meinen Blick. „Es ist nicht deine Schuld“, sagte sie. „Aber stellen muss man sich. Also sei geduldig und höre zu.“

Und dann begann sie zu sprechen und ich notierte gehorsam, was die Stimme meines Stiefgroßvaters ihr über sein Leben verriet.

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Der Arten des Sterbens sind viele, Teil 7

„Nichts ist wohl für uns Menschen schlechter zu ertragen als ein Schicksalsschlag, der uns ungerecht erscheint. Wir verstehen, dass das Böse vernichtet werden muss; aber wir weigern uns anzuerkennen, dass auch das Gute nur Bestand hat, wenn es sich immer wieder auflöst und neu formiert. Denn alles, was sich verfestigt, nimmt selbst irgendwann die verhärtete Gestalt des Todes an.“

Es war das erste Mal, dass Eleonore unsere Sitzung mit solch ernsten und nachdenklichen Worten eingeleitet hatte. Gespannt blickte ich sie an, bereit, einmal mehr mit großer Ernsthaftigkeit einer Geschichte zu lauschen, die so unglaublich klang, dass ich für einen Moment versucht war, an die Macht der Zahlen und der genetischen Codes zu glauben, die darin eine Rolle spielten. Aber lest am besten selbst, was sie mir an diesem Abend erzählte.  

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Der Arten des Sterbens sind viele, Teil 5

In meiner Sammlung kurzer Lebensgeschichten zwischen Fakten und Fiktion kommt heute Wilhelmine Katharine Marie Wahl zu Wort, geboren 1897 in Hamburg-Harburg, gestorben 1968 in Bremen. Katharine ist eine Cousine von Karoline Hoffmann, von der bereits die Rede war. Als sie starb, war ich gerade mal 4 Jahre alt, weshalb ich keine bewusste Erinnerung an sie habe. Aber ich weiß, dass ich mir als Kind oft wünschte, Katharina zu heißen und schwarzes Haar zu haben – wie sie. Erzählt wurde mir die Geschichte wieder von Eleonore, die die einzigartige Begabung hat, die Geschichten Verstorbener zum Klingen zu bringen.

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Der Arten des Sterbens sind viele – Teil 4

So viele traurige Schicksale, so viel Leid, Elend, politische und kriminelle Gewalt in der Welt – manchmal zweifelte ich daran, ob es gut für mich und Eleonore war, das Projekt, das wir gemeinsam begonnen hatten, fortzusetzen.

„Gibt es denn niemanden unter unseren Vorfahren, der ein glückliches Leben hatte?“, fragte ich sie deshalb eines Abends. Überrascht blickte sie mich an. „Du denkst, sie waren unglücklich?“, fragte sie. „Nein, das glaube ich nicht“, gab sie sich dann selbst die Antwort und schüttelte den Kopf. „Woran bemisst sich denn Glück oder Unglück? Doch immer nur an dem, was ist. Ist vielleicht so ähnlich wie mit den Rentenpunkten heute“, lachte sie dann. „Du hast ewig eingezahlt, aber was du dann bekommst, hängt vom aktuellen Wert ab. Und wenn du Pech hast, bekommst du gar nichts mehr. Aber warst du deshalb all die Jahre zuvor arm?“

Die Antwort stellte mich nicht wirklich zufrieden. Vielleicht erzählte sie mir deshalb in dieser Nacht die Geschichte des Kahnschiffers Johann Lorenz, von dem man noch heute sagt, dass die Familie ohne ihn wohl schon viel früher auseinandergebrochen wäre.

 

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Der Arten des Sterbens sind viele – Teil 3

LEBEN OHNE SOMMER, Teil 2

(Teil 1 noch nicht gelesen? Dann bitte hier entlang.)

Als ich Eleonore wiedersah, wirkte sie gefasst, aber sie hatte schwarze Ringe um die Augen und war in den wenigen Tagen deutlich abgemagert. Doch wies sie meinen zaghaften Einstieg ins Gespräch zurück und bat in ihrer direkten Art, sofort zur Sache zu kommen. Wir entzündeten eine Kerze und sie erzählte, was Karoline ihr vom Fortgang der Ereignisse preisgab.

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Der Arten des Sterbens sind viele – Teil 2

LEBEN OHNE SOMMER, Teil 1

Ein Vulkanausbruch auf der Südhalbkugel und ein sich daran anschließendes „Jahr ohne Sommer“ zwingen eine Familie im Königreich Württemberg dazu, nach Hamburg umzusiedeln. „Es hängt eben alles mit allem zusammen“, urteilt Staatsrat Hoffmann ein Jahrhundert später lapidar. Eine Weisheit, die für seine Witwe zum Verhängnis wird – wenn man denn bereit ist, die Zusammenhänge auf diese Weise zu sehen und einzuordnen.

Die Geschichte, die ich euch im Folgenden erzähle, wurde mir vergangene Nacht von Eleonore in die Feder diktiert. Es ist die Geschichte der Katharina Karoline Hoffmann, deren Vorfahren 1816 von Binzwangen nach Harburg gingen, wo Karoline 1888 geboren wurde. 1938 wurde sie, mittlerweile reiche Witwe eines ehemaligen Staatsrates, Opfer eines Raubmordes in Hamburg, den die Zeitungen als „Herrengrabenmord“ titulierten.

Die Eindrücke sind noch frisch und ich habe selbst noch nicht genau verstanden, warum hier alles mit allem zusammenhängt, denn für Eleonore war die Sitzung so anstrengend, dass wir sie unterbrechen mussten. Ich hoffe aber, dass es ihr bald wieder besser geht, sodass ich euch auch vom Fortgang der Ereignisse berichten kann.

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Der Arten des Sterbens sind viele – Teil 1

Ein neuer Plan verfolgt mich seit Wochen und heute geht es los: Ein Reigen an kurzen Erzählungen soll es werden, Erzählungen von denen im Dunklen, die keiner sieht. Von Tagelöhnern und Kahnschiffern, ungelernten Arbeitern und gescheiterten Aufsteigern, von Verstorbenen, die noch lange nicht verschieden sind.

Sie alle eint, dass sie die Vorfahren meiner Erzählerin Eleonore Wienberg waren, die mir ihre Geschichten in vielen Nächten erzählte und mich darum bat, sie aufzuschreiben. Ob es bei diesem Reigen bleibt oder ob daraus noch ein Roman wird, ist noch nicht entschieden. Genau so wenig, wie die Frage, ob ich von der seltsamen Veränderung der Eleonore Wienberg berichten werde, die mit jeder Geschichte mehr Besitz von ihr ergriff.

Nehmt die Beiträge, die ich nach und nach einstelle, daher zunächst als „Fingerübungen“ und als Versuch, den Stoff, den mir Eleonore präsentierte, zu ordnen und nach und nach in einer Erzählung zusammenzuführen, die genau dort angesiedelt ist, wo sich das wirkliche Leben abspielt: zwischen Fakten und Fiktion.

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Deutsche Grammatik: das Präteritum

Das Perfekt ist eine Vergangenheitsform, in der wir erzählen, was sich innerhalb eines vergangenen Zeitraumes ereignet hat. Um diese Form bilden zu können, benötigen wir das Partizip II des Verbs und die Hilfsverben haben oder sein, die im Präsens erscheinen. Denn mithilfe des Perfekts blicken wir vom heute aus in die Vergangenheit zurück und benennen, was sich ereignet oder verändert hat.

Das Präteritum bringt eine gänzlich andere Perspektive ins Spiel. Es beleuchtet die Vergangenheit nicht vom Heute aus, sondern verhält sich quasi wie eine Präsensform dazu. Daher ist das Präteritum die klassische Erzählform des Romans, der eine in sich abgeschlossene Episode erzählt, als fände sie gerade jetzt statt. Wir betrachten die Vergangenheit nicht, wir tauchen in sie ein.

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Endlich fertig – wie ein neues Buch ins Leben kam

War es wirklich noch Juni und damit gerade Sommeranfang, als ich das Schlusswort zur ersten Fassung von „Wie der Tod ins Leben kam“ schrieb? Ich kann es selbst kaum fassen. Andererseits – ich schreibe, recherchiere, korrigiere, lektoriere, verwerfe, kümmere mich ums Layout … nur die Covergestaltung delegiere ich mittlerweile, denn davon verstehe ich wirklich null. Und daneben habe ich ja auch noch einen bezahlten Job – sodass ich in den letzten Wochen oft mal wieder 12 Stunden täglich am Schreibtisch saß, um einerseits meinem Broterwerb und andererseits meiner Leidenschaft nachzugehen.

Sage und schreibe fünf Tage habe ich allein dafür gebraucht, einen Klappentext mit weniger als 200 Wörtern zu formulieren, eine der Aufgaben einer Selfpublisherin, die ich am meisten hasse. Aber zumindest für mich selbst hat es sich gelohnt – denn nichts lehrt einen so viel über das eigene Buch wie der Versuch, es in wenigen Zeilen zusammenzufassen. Wer weiß, vielleicht beginne ich das nächste einfach damit?

Fürs Cover kamen dieses Mal nur zwei Motive in die engere Auswahl, nämlich diese:

In das dunkle Cover habe ich mich sofort verschossen. Und mir damit ordentlich Schelte von meiner Cover-Gestalterin zugezogen. Immerhin weiß sie jetzt, woher die Bezeichnung „Kunden aus der Hölle“ kommt. 😊  Aber trotz ihrer Jugend hat sie sich durchgesetzt. Oder vielleicht auch deshalb, weil ich so großes Vertrauen in sie habe.

Wahnsinnig viel Zeit kostet es natürlich auch, so ein Buch zu formatieren. Am Anfang stellen sich immer dieselben Fragen … wie ging das noch mal mit den Seitenzahlen – wenn sie erst auf Seite 3 oder Seite 5 beginnen sollen? (Spoiler: Umbruch „nächste Seite einfügen“ und die beiden Abschnitte voneinander trennen.) Welche Schriftart ist geeignet, welche Vorgaben gibt es bezüglich der Seitenränder und des Druckformats, welche Zeilenabständige benötige ich, damit das Buch fein lesbar ist, aber der Preis nicht unnötig in die Höhe steigt?

Und dann diese doofen Einrückungen am Beginn der Absätze … die hasse ich mindestens so sehr wie Klappentexte, bringen sie doch nichts als Unruhe ins Gesamtbild. Keine Hurenkinder und Schusterjungen übriggeblieben? Irgendwo noch ein Trennzeichen, das da nicht hingehört? „Ebenda“ und „Vergleiche“ groß- oder kleinschreiben? Seitenzahlen bei Zitaten angeben oder nicht? Schließlich ist es ja kein Fachbuch mehr, sondern ein Sachbuch. Auch schön bei einem Manuskript, das unendlich viele Zitate aus Zeiten vor der Rechtschreibreform enthält: die Korrekturvorschläge von Word einarbeiten – oder eben nicht. Einige Hundert waren es bei jedem Durchgang. Da wünscht man sich doch glatt ins 16. Jahrhundert zurück, als jeder noch schreiben durfte, wie ihm gerade der Sinn danach stand.

Und wenn man alles fertig hat? Schaut man’s durch und entdeckt hier noch eine Kleinigkeit, dort noch ein Detail … und beginnt von vorn, weil sich mit jeder verfluchten Änderung auch wieder was auf den Folgeseiten verschiebt. Fiel mir dann auch auf, nachdem ich den ersten Probedruck bestellt hatte. Denn da war plötzlich dieser hässliche Trennstrich und diese eine Zeile, die einfach sonstwohin gerutscht war. Die Abstände zwischen den Absätzen waren viel zu groß. Die Schriftart wirkte gedruckt auch ganz anders als am Monitor. Also noch einmal alles sichten, anpassen, Manuskript erneut hochladen und hoffen, dass beim nächsten Mal alles anders und besser wird.

Bin ich jetzt stolz oder unendlich froh? Weder noch. Ich bin zufrieden. Ich habe getan, was ich konnte, wenn auch viel zu spät. Alles andere liegt jetzt nicht mehr in meiner Hand. Außer die Frage: Was kommt als Nächstes? Und da habe ich schon so eine Ahnung …

Mein Dank gilt allen, die mich durch diese Phase begleitet haben. Auch die Gewinnerinnen der Verlosung sind bereits bestimmt – ihr bekommt also bald Post von mir. Und sobald ich mich davon überzeugt habe, dass jetzt wirklich keine Zeilen mehr verrückt sind, folgt an dieser Stelle natürlich die inhaltliche Vorstellung. Denn von einem bin ich überzeugt: Es ist ein gutes und ein wichtiges Buch geworden. Und das ist es doch, was am Ende zählt.

Erhältlich ist “Wie der Tod ins Leben kam” ab sofort über epubli oder die bekannten Verkaufsstellen online und offline. Zur Pressemitteilung gelangt ihr über diesen Link (PDF-Download, öffnet sich in einem neuen Tab).