Buchempfehlung: Corpus Delicti von Juli Zeh

Nebst einem kleinen gewagten Rundumschlag in Sachen Gesundheitspolitik.

Erst nannten wir es Christentum, dann Demokratie. Heute nennen wir es METHODE. Immer absolute Wahrheit, immer das reine Gute, immer das zwingende Bedürfnis, die ganze Welt damit zu beglücken. Alles Religion. Weshalb sollte sich ein Ungläubiger wie Sie für eine Spielart des immer gleichen Irrtums stark machen?“ (Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess.)

Mit diesen Gedanken konfrontiert die Protagonistin Mia Holl aus Juli Zehs Roman „Corpus Delicti“ ihren Widersacher, Heinrich Kramer, der die Provokation erkennt, aber dennoch verspricht, Milde walten zu lassen. Wie überhaupt fast alle in diesem Buch so unfassbar bemüht sind, das Gute, das Richtige, das Verständige zu tun, auch wenn es letztlich dazu führt, dass Unschuldige sterben und sich Fortschritt, Aufklärung und Mitleid in eine düstere Triade verwandeln, der ein Einzelner nichts mehr entgegenzusetzen hat. Denn wo alle einer Methode folgen, die einzig und allein das Richtige vorgibt, da wird jeder Fehler, jeder Ausbruchsversuch aus dem Rationalen zur Ketzerei.

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Buchbesprechung: Im Schatten des Todes

Eine Novelle von Rūdolfs Blaumanis

14 Fischer und zwei Pferde befinden sich auf dem Eis in der Bucht von Riga. Die Männer werfen ihre Netze aus und bemerken erst zu spät, dass sich die Scholle, auf der sie stehen, vom Ufer gelöst hat und aufs offene Meer zutreibt. Einer versucht noch ans Ufer zu kommen, ertrinkt aber in dem eiskalten Wasser.

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Buchempfehlung: Erwachen im 21. Jahrhundert von Jürg Halter

Roman, Zytglogge Verlag 2019

Kaspar erkennt seine Wohnung als Kopf, durch den er in diese Nacht geht, taumelt, stolpert, fällt. Seine Wohnung als Kopf, durch den er gehetzt wird, sich hetzen lässt.

Kaspar, der Protagonist aus Jürg Halters Roman „Erwachen im 21. Jahrhundert“, schreckt im Juni 2018 aus einem Traum hoch. Es ist noch Nacht, aber er steht auf, bereitet sich auf seine Abreise vor, die ihn nach Brest führen soll zu „den anderen“.

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Der Tod ist kein Anfang des Sterbenden

Vielleicht ist der unfaßbare Augenblick, in dem wir vom Leben zum Tod übergehen, unsere arme Ewigkeit.“

Arthur Schnitzler: „Sterben“

Gedanken über das Sterben und die Unterscheidung von Tod und Todeszeitpunkt anlässlich der Bielefelder Tagung zum Thema: Über die Wichtigkeit, tot zu sein –  die Tote-Spender-Regel und die Ethik der Transplantationsmedizin (2013).

Wann ist der Mensch tot genug?

Nun tagen sie wieder. Und fragen: Wann ist ein Mensch tot? Oder besser: Wann ist er tot genug, damit man ihm die Organe entnehmen darf? Vom Hirntod wird die Rede sein und vom Herztod. Und von einem Todeszeitpunkt, der als Moment der Irreversibilität, der Unumkehrbarkeit, definiert ist.

Denn die eigentliche Frage, das Problem, vor das sich der Mediziner gestellt sieht, lautet ja nicht: Ist der Mensch, dem wir Organe entnehmen wollen, tot? Sondern: Ist es sicher, dass keine Chance besteht, sein Sterben noch einmal umzukehren?

Daran bemisst sich die Bestimmung des Todeszeitpunktes im Zusammenhang mit Organtransplantationen. Umso verblüffender, dass das Sterben selbst in dieser Debatte nicht vorkommt.

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Buchempfehlung: James N. Frey: Wie man einen verdammt guten Roman schreibt.

Übersetzt von Ellen Schlootz und Jochen Stremmel. Emons-Verlag 1993.

Wie schafft man runde Figuren und wie entsteht eine spannende Story? Was genau ist eine Prämisse, der sich jeder Roman zu unterwerfen hat, und wofür sollte sie gut sein? Warum ist es für geniale oder zumindest talentierte Schreiber oft viel schwieriger, einen Roman zu verfassen, als für disziplinierte Arbeitstiere? Weshalb ist es so wichtig, ehrlich zu sich selbst zu sein, wenn man einen guten Roman schreiben will?

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Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.

Über Walter Benjamins Essay und dessen Bedeutung für die Gegenwart

Knapp 40 Seiten umfasst Walter Benjamins berühmter Aufsatz zur technischen Reproduzierbarkeit von Kunstwerken und gilt trotz dieser Kürze als „Gründungsdokument der modernen Medientheorie“.

In seinem Essay befasst sich Benjamin mit der Frage, wie die Möglichkeit, Kunstwerke unendlich zu reproduzieren, unsere Wahrnehmung von Kunst und unsere Bewertung und Interpretation von Wirklichkeit verändert.

Der Aufsatz entstand 1936, als Benjamin selbst sich bereits ins Exil flüchten musste, und entstand daher vor dem Hintergrund des sich zum Massenphänomen entwickelnden Faschismus. Doch hat er auch mehr als acht Jahrzehnte später noch nichts an Bedeutung verloren, weshalb er aus meiner Sicht unbedingt auf den Kanon jener Werke gehört, die in allen Schulen und Universitäten gelesen werden sollten.

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Sein blaues Wunder erleben – oder doch eher hören?

Über den Sinneswandel einer Redensart

Wer sein blaues Wunder erlebt, darf sich sicher auf eine Überraschung gefasst machen. Aber woher stammt die Redensart eigentlich? Warum ist das Blaue unangenehm oder trügerisch? Hat dies wirklich etwas mit dem Handwerk der Tuchmacher zu tun, wie schon oft angenommen wurde? Oder hat das Blau vielleicht noch eine andere, uns heute verborgene Bedeutung?

Blau als Farbe der Uneindeutigkeit

Die Farbe Blau ist viele Verbindungen eingegangen, die etwas mit Täuschung oder Illusion zu tun haben. Nicht nur der blaue Dunst vernebelt uns die Sinne. Wir lügen das Blaue vom Himmel herab oder fabulieren ins Blaue hinein. Wir unternehmen eine Fahrt ins Blaue, also ins Ungewisse, Unbekannte.

Dem Duden Herkunftswörterbuch zufolge wurde uns ursprünglich nicht schwarz, sondern blau vor Augen, wenn eine Ohnmacht drohte. Dieser ganz besondere Schwindel wird also durch die Farbe Blau repräsentiert. Aber auch das Besondere, Einzigartige drückt sich darin aus. Das Ungewisse der Farbe Blau muss also nicht immer negativ sein.

In der Redensart „sein blaues Wunder erleben“ steckt jedoch eine vehemente Drohung. Denn wer sein blaues Wunder erlebt, wird auf eine negative Weise überrascht. Darüber hinaus umfasst die Redensart häufig den Charakter einer Strafandrohung.

Blaues Tuch und blauer Rauch

Die Herkunft der Redensart „sein blaues Wunder erleben“ wird häufig auf das Handwerk der Tuchfärber zurückgeführt. Durch eine chemische Reaktion verfärbten sich grün oder gelb eingefärbte Tücher in blaues Tuch. Der Betrachter erlebte tatsächlich ein blaues Wunder. Einer anderen Deutung nach geht die Redensart auf die Vorführungen von mittelalterlichen Gauklern zurück. Diese verwendeten für ihre Tricks und Zauberkünste blauen Rauch, der verbarg, was beim Publikum für Überraschungen sorgte.

Am Anfang der Redensart hätte demnach die Faszination am blauen Wunder gestanden. Im Laufe der Jahrhunderte aber wurde daraus die Angst vor etwas Negativem. Doch scheiden sich an diesen Erklärungen zum blauen Wunder auch heute noch die Geister.

Blaues Wunder hören, sehen, erleben

Doch nicht allein die Farbe Blau ist für die Bedeutungsbestimmung von Interesse. Auch das Verb, das die Redensart begleitet, muss betrachtet werden. Denn bevor man sein blaues Wunder erlebte, konnte man es bereits sehen und noch früher hören. So jedenfalls beschreibt es Christiane Wanzeck, die sich mit der Herkunft und Geschichte zahlreicher Farbwortverbindungen befasst hat.

Wanzeck zufolge hörte man sein blaues Wunder gegen Ende des 14. Jahrhunderts dann, wenn jemand eine unwahre Geschichte erzählte. Aus der unwahren Geschichte wurde dann im Laufe der Jahrhunderte eine unglaubliche Geschichte, ein Wunder, das sichtbar gemacht werden sollte. Man sah dann sein blaues Wunder. Erst im 20. Jahrhundert soll daraus die Wendung in Verbindung mit dem Verb „erleben“ abgeleitet worden sein.

Eine bekannte Redewendung, die sich sehr schön in eine Geschichte der Sinne und der Entstehung von Sinneseindrücken einbetten ließe. Für mich einmal mehr Anlass, genau zu beobachten, wie sinnliche Wahrnehmung funktioniert und ob ein Bild tatsächlich nur aus visuellen Eindrücken entsteht.

Literatur:

Duden. Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 2., völlig neu bearbeitete Auflage, Hg. von Günther Dodrowski. Mannheim/Wien/Zürich:1989, S. 86.

Wanzeck, Christiane: Zur Etymologie lexikalisierter Farbwortverbindungen. Amsterdam, New York 2003. Seite 316 ff.

6 Tipps zum Texten, die ich nicht mehr hören kann

So lernen Sie besser schreiben. Oder: 10 Tipps, die Ihre Texte verbessern. Oder irgendwas mit einer Zahl, Tipps und besser, einfacher, werbewirksamer. Es kommt der Moment, da verstehst du: Du musst diesem Link im Newsletter nicht folgen. Du weißt eh, was drinsteht. Wolf Schneiders Lebenswerk als Zehnpunkteprogramm. Der kleine Katechismus des Schreibens, der dazu führt, dass alles irgendwie gleich klingt. Verständlich. Kurz. Kein Passiv, kein man. Bildchen rein, Grafiken rein, Füllwörter raus.

Alles richtig, aber … Schreiben ist doch kein Textetöpfern nach Anweisung. Schreiben ist auch nicht die Kunst, Wortketten von gleichförmiger Länge zu basteln. Im Schreiben bilden wir Klänge ab. Die bestenfalls auch noch was bedeuten. Texte, wie ich sie schätze, haben eine Stimme, einen Tonfall. Der – noch einmal bestenfalls – perfekt zu den Inhalten passt. Den der Leser – der aufmerksame Leser – innerlich hört. Und verändert, indem er ihm seine Stimme, seine Lesart beifügt.

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