Wenn der eisige Ostwind weiterhin die Fingerspitzen gefrieren lässt, gibt es nur eine Art, sich zu wehren: Schreiben! Heute stand Kapitel 1 meines neuen Romans auf dem Plan, der von einer tödlich endenden Liebesgeschichte im Dänemark des 19. Jahrhunderts handelt. Erzählt wird die Geschichte von Jesper Hansen, einem jungen Journalisten aus ärmlichen Verhältnissen, der für die damals moderne Literatur brennt, aber stattdessen ein grundsolides und Anzeigenkundenfreundliches Feuilleton für die Helsingør Posten aufbauen muss.
Statt also die großen Debatten um Kultur und Gesellschaft zu thematisieren, die die Gemüter im Land erhitzen, soll er auf Geheiß des Redaktionsleiters den sentimental-romantischen Gedichtband eines schwedischen Dragonerleutnants namens Sixten Sparre rezensieren.
Frustriert gibt Jesper nach, denn er ist nicht nur für sich, sondern auch für seine verwitwete Mutter verantwortlich. Doch ein Verrat kommt selten allein – und so nimmt die unheilvolle Geschichte um Jespers große Schuld gegenüber der einzigen Frau, die er jemals lieben würde, schon jetzt ihren Lauf, lange bevor er überhaupt ihren Namen kannte: Elvira „Hedda“ Madigan.
Kapitel 1, Szene 1 und 2 sind online, frisch und unüberarbeitet – aber nur für wenige Tage! Ich freue mich über eure Kritik, euer Feedback, eure Fragen!
Update 31.03.2026
1 Helsingør 1888
Die Freitagsausgabe der Helsingør Posten lag auf dem wackeligen Schreibtisch, den man mir in eine dunkle Ecke geschoben hatte. Es wirkte, als wartete sie darauf, dass sich endlich jemand der vielen entbehrlichen Nachrichten annahm und ihnen Bedeutung beimaß.
Unsicher, was man in der Redaktion von mir erwartete, nahm ich das Blatt zur Hand und tat so, als wäre ich darin vertieft. So entging ich der Peinlichkeit, untätig zwischen meinen geschäftig umhereilenden neuen Kollegen zu stehen. Gleichzeitig half mir das Lesen, die Kälte aus meinen Gedanken und Knochen zu verdrängen, die ein hartnäckiger Ostwind seit Wochen in jeden Winkel Helsingørs trug. Das Feuerholz war längst aufgebraucht, und das Geld reichte nicht für neues. Das zeigten nicht nur die Rechnungen, die Mutter mir fast täglich wortlos und ohne Vorwurf, aber mit traurigem Blick vorlegte.
Doch lange, so schwor ich mir und ihr, würde diese Not nicht mehr dauern. Schließlich hatte ich den Vertrag als leitender Feuilletonredakteur der Helsingør Posten nicht grundlos gegen meine inneren Widersprüche unterschrieben. Wobei „leitender Redakteur“ natürlich reichlich übertrieben war: Außer mir gab es niemanden für das neu einzurichtende Feuilleton, und in der Sonntagsausgabe waren mir ganze zwei Seiten dafür zugedacht.
Aber jeder große Plan beginnt mit einem kleinen Schritt, redete ich mir ein. Und da Christiansen noch immer nicht erschienen war, zog ich die Politiken aus Vaters alter Ledertasche, die mir nun als Aktentasche diente. Zielsicher schlug ich den bemerkenswerten Artikel über Georg Brandes auf. Ich hatte ihn bereits zweimal gelesen – und doch beeindruckte mich seine sprachliche Brillanz aufs Neue.
„Politiken? Ich hoffe, nur um zu studieren, wie man es besser nicht macht.“
Ich hatte ihn nicht kommen hören. Trotz seiner massigen Gestalt bewegte sich Christiansen unhörbar durch die Räume. Umso stärker hallte dafür jedes seiner Worte in einem nach. Er duldete keine Umwege im Gespräch, liebte keine Einleitungen – er kam immer sofort zur Sache. Und Widerworte konnte er mit einer einzigen Geste beiseite wischen.
Dabei war er kein Mann, der blinden Gehorsam verlangte. Es war eher eine gewisse Langeweile, die ihn abweisend wirken ließ – eine Langeweile, die ihn befiel, sobald ihm Argumente begegneten, die er für abgedroschen oder floskelhaft hielt.
„Immerhin haben sie ihre Auflage seit dem Start mehr als verdreifacht“, wagte ich einzuwenden – und bereute es im selben Moment, als sich sein Blick verdüsterte.
„Ja, in der Hauptstadt“, entgegnete er scharf. „Wo sich ein intellektuell übersättigtes Publikum für revolutionär hält, wenn es nur etwas über ein ausschweifendes Leben und den Geruch von Pisse lesen kann.“ Damit war das Thema für ihn erledigt. Dann trat er einen Schritt näher an meinen Schreibtisch. „Aber was ist mit uns?“
„Ich dachte, wir beginnen mit etwas, das sicher Auflage bringt“, sagte ich zögernd. „Eine Debatte über die Gleichstellung von Frauen und Männern – natürlich mit literarischem Bezug. Der Streit zwischen Georg Brandes und Elisabeth Grundtvig als Ausgangspunkt. Und mit Charlotte Klein und ihren Lesevereinen könnten wir auch einen lokalen Bezug herstellen, damit—“
„Ausgeschlossen“, unterbrach mich Christiansen.
„Ja“, sagte ich hastig, „Helsingør ist nicht Kopenhagen. Aber die Debatten haben das ganze Land bewegt und …“
„Die Debatte ist vorbei“, schnitt er mir das Wort ab. „Viggo Hørup wurde verurteilt und hat für den Fehler seines schreibenden Revolutionärs bezahlt. Niemand interessiert sich mehr dafür – schon gar nicht hier. Was hast du noch?“
Ich musste passen. Ich hatte mich so sehr in meine Idee verliebt, dass mir gar nicht in den Sinn gekommen war, sie könnte abgelehnt werden.
„Nun gut“, sagte Christiansen schließlich und legte mir ein schmales Buch mit einem unscheinbaren graugrünen Einband auf den Tisch. „Dann habe ich etwas für dich. Sixten Sparre, schwedischer Dragonerleutnant. Gedichte. Du schreibst eine Rezension.“
„Gedichte von einem schwedischen Dragoner?“
„Ja. Und gar nicht mal so schlecht.“
„Aber warum?“
Christiansen beugte sich leicht vor. „Du bist hier, um das Feuilleton aufzubauen, nicht um es zu revolutionieren. Sauber. Stark. Und vor allem gewinnbringend – für unsere Abonnenten und Anzeigenkunden.“
Ich dachte an meine Mutter. An die Miete. An den Bäcker, der schon zweimal gefragt hatte, wann die Rechnung beglichen werde. Ich dachte an Lones und Vaters leere Plätze am Esstisch, den Mutter Abend für Abend für vier Personen deckte – als wären sie wirklich nur verreist und nicht von einem einfahrenden Zug erfasst worden.
„Gut“, sagte ich.
Ich ahnte nicht, dass ein einziges Wort genügen kann, um die innere wie die äußere Welt ins Wanken zu bringen. Es war der erste Verrat, den ich beging – aber gewiss nicht der letzte. Es war der erste Schritt in deine Richtung, Geliebte. Aber der Weg begann wie er endete: mit einem Fehltritt.

Zwei Rosenknospen, die einander küssen und liebkosen. Ein junges Mädchen, das davon träumt, eine Prinzessin zu befreien. Überhaupt diese Mädchen und jungen Frauen: stets wartend, unterworfen, schluchzend – oder bloß schön anzusehen. Üppig ausgestattet, bis zur Erschöpfung gepudert. Oder der harten, düsteren Wirklichkeit ausgeliefert, in der sie von Baronen geschwängert und von Baronessen als Dirnen verstoßen werden.
War darin etwas wie Sozialkritik zu erkennen? Nein. Es waren typische Männergedichte. Gedichte eines Mannes von Stand, der nach einer Armut gierte, die ihm verführerisch und freizügig erschien – und von der er sich in der stümperhaft angestrebten Strenge seiner Verse wieder distanzierte.
Es fehlte ihnen an wirklicher Menschenkenntnis. Alle Gestalten blieben austauschbar; nichts an ihnen wuchs aus einer persönlich erlebten Geschichte oder innerer Wahrheit. Was sie hervorbrachte, war Dragonerromantik, schwärmerische Todessehnsucht und ein vages Pathos, das sich für mitfühlend hielt.
Ich las von einem geschminkten Mädchen im Varieté, dessen goldenes Haar im Gaslicht glänzte wie etwas Heiliges.
Ich las von einer blonden Gestalt auf einer Lichtung, die nach der Jagd einen Kranz flocht, während das Blut noch warm im Schnee dampfte.
Ich las von einer Liebe, die rein sein sollte, weil sie unerfüllt blieb.
Von Erlösung, die einzig im Tod zu finden war.
Ich dachte an jenen jungen Professor in Wien, der vor Kurzem Aufsehen erregt hatte, als er über männliche Hysterie schrieb. Sixten Sparre schien mir von eben diesem Schlag zu sein: überbetont männlich, mit Hang zum Exzess, gefangen in einer Vorstellungswelt, die von unterdrückter sexueller Begierde durchdrungen war. Einer Begierde, die den meisten Zeitgenossen als krank erschien, obwohl sie sich an deren verdeckter Bilderwelt berauschten.
Oder ereignete sich – ich erschrak, als sich der erste nagende Zweifel regte – ereignete sich die Übersetzung dieser Bilderwelten lediglich in meinem eigen Kopf? War allein ich es, den harmlose Zwillingsknospen an eine weibliche Brust erinnerten? War ich es, der in Sparres Verse Bedeutungen hineinlas, die nichts über ihn, aber alles über mich selbst verrieten? Würde ich mich der Lächerlichkeit preisgeben, wenn ich dies in einem schonungslosen Verriss offen eingestünde?
Zweifel sind wie Zündholzer, die ein Feuer der Wahrheit entfachen. Ob Georg Brandes auch diesen Zweifel an sich selbst gemeint hatte? Ich dachte an meinen Vater. „Suche den Fehler nicht bei anderen, sondern zuerst bei dir selbst“, hatte er stets gesagt, wenn ich mich in stammelnden Ausflüchten verlor.
Oder waren meine Schwedischkenntnisse einfach viel geringer, als ich angenommen hatte? Ich war ja bloß Autodidakt, hatte nie eine Prüfung abgelegt.
Seufzend begann ich von Neuem, kämpfte mich durch die Flut der Gedichte, von denen mir keines einer eingehenden Besprechung würdig erschien. So urteilten auch meine Kollegen, die den Band mit milder Geringschätzung als Werk eines mittelmäßigen Dichters abgetan hatten.
Und auch nach wiederholter Lektüre konnte ich dem wenig hinzufügen – außer meiner wachsenden Abneigung gegen das beständige Raunen von Rosenknospen, Morgentau und schluchzenden Mädchen am offenen Grab. Ob Sparre seine eigenen Motive verstand? Ob er sich selbst zu deuten wusste?
Es war nicht meine Aufgabe, dies zu ergründen. Meine Aufgabe war es, darzustellen, was ich las, und zu erklären, weshalb es den Anforderungen einer zeitgemäßen Literatur nicht genügte.
Ich atmete tief durch. Es war beruhigend, sich auf eine sachliche Ebene zurückziehen zu können. Doch was ich pflichtgemäß begann, verwandelte sich bald in ein Urteil, das schärfer ausfiel, als es mir als Kritiker zustand.
Er verwechselt Empfindung mit Kulisse.
Seine Frauen sind keine Menschen, sondern bloße Staffage.
In diesen Versen steht die Welt still – und mit ihr der Geist.
Die Feder kratzte. Zu langsam. Die Gedanken drängten voran.
Ich dachte an Brandes’ Forderung, Literatur müsse uns vor Probleme stellen. Und hier waren Gedichte, die alles überdeckten – die andeuteten, ohne zu wagen; die in gebundener Form erstarrten und keinen Ausweg kannten als den Tod.
Diese Verse behaupten Reinheit, wo keine ist.
Die Feder kratzte weiter.
Sie sind sentimental, weil sie jeden Naturalismus leugnen.
Ich hielt inne. Wann war aus Zweifel Zorn geworden? Wann aus Zorn Abneigung gegen einen Dichter, dessen Sprache ich nicht wirklich beherrschte? Den ich nicht nach seinen eigenen Maßstäben, sondern als darüberstehender Zensor bewertete? Was brachte mich so in Rage?
Diese Gedichte erneuern nichts. Sie wärmen nicht, so sehr sie es vorgeben. Sie sind bequem, geschrieben aus der selbstzufriedenen Haltung eines Mannes, der nie auf den Grund einer Mädchenseele geblickt hat, ohne den narzisstischen Wunsch, sich selbst darin zu spiegeln.
Zu hart.
Ich hätte von vorn beginnen sollen.
Ich tat es nicht. Ich führte die Kritik zu Ende.
Wer so schreibt, liebt nicht das Leben, sondern das romantisierte Abbild, das er sich davon gemacht hat.
Das war keine Kritik mehr. Es war ein Angriff. Egal. Hauptsache ich war rechtzeitig fertig geworden.
Doch Erleichterung stellte sich nicht ein. Keine Zufriedenheit – nur die Leere dessen, der sich verausgabt hat, ohne sich selbst näherzukommen. Die Standuhr schlug; ihr Klang fiel wie ein Donnerschlag in meine Gedanken.
Ich setze meinen Namen unter den Artikel und brachte ihn zum Setzer. Ich dachte weder an Christiansen noch an die Leser, und schon gar nicht an meinen Auftrag für mehr Abonnements zu sorgen.
Der Setzer sah mich prüfend an, als ahnte er, dass mit diesem Text etwas nicht stimmte. Einen Moment lang hielt er mir die Blätter hin, als wollte er einem Ketzer letzte Gelegenheit geben, sein Geständnis zu widerrufen. Ich nickte ihm freundlich zu und ging.
Nun ist es ausgesprochen, dachte ich.
Dann machte ich mich auf den Weg zum Bäcker, um wenigstens einen Teil unserer Schulden zu begleichen.
Liebe Sabine – da bist du ja unermüdlich fleißig – erst die Sprache so schnell erlernt und nun dein neuer Roman. Ich musste mich erst einlesen.
Da sind zwei Wiederholungen, herumstehenden und herumeilenden. Ich bin ja so ein Gefühlsmensch und da erscheint mir die Situation Armut der Mutter nur kurz erwähnt. Auch der Tod des Vaters u der Schwester hast du nur kurz angerissen. Das könnte den Anfang des Romans m.E menschlich füllender und die Situation Armut und Schicksal nachvollziehbarer machen. Den Ausdruck „ auf Arbeit“ kenne ich nur von den ‚einfachen‘ Ossis – „ bei uns uff Arbeit „ und nicht „ auf der Arbeit“.
Ich wünsche dir weiterhin Schreiblust – lass die Feder schwingen.
Herzlichst Hanni ⭐️
Vielen Dank, dass du mir deine unermüdlichen und wachen Augen leihst, Hanni!
Ich werde gewiss noch mehr als einmal „drübergehen“ müssen!