Wenn der eisige Ostwind weiterhin die Fingerspitzen gefrieren lässt, gibt es nur eine Art, sich zu wehren: Schreiben! Heute stand Kapitel 1 meines neuen Romans auf dem Plan, der von einer tödlich endenden Liebesgeschichte im Dänemark des 19. Jahrhunderts handelt. Erzählt wird die Geschichte von Jesper Hansen, einem jungen Journalisten aus ärmlichen Verhältnissen, der für die damals moderne Literatur brennt, aber stattdessen ein grundsolides und Anzeigenkundenfreundliches Feuilleton für die Helsingør Posten aufbauen muss.
Statt also die großen Debatten um Kultur und Gesellschaft zu thematisieren, die die Gemüter im Land erhitzen, soll er auf Geheiß des Redaktionsleiters den sentimental-romantischen Gedichtband eines schwedischen Dragonerleutnants namens Sixten Sparre rezensieren.
Frustriert gibt Jesper nach, denn er ist nicht nur für sich, sondern auch für seine verwitwete Mutter verantwortlich. Doch ein Verrat kommt selten allein – und so nimmt die unheilvolle Geschichte um Jespers große Schuld gegenüber der einzigen Frau, die er jemals lieben würde, schon jetzt ihren Lauf, lange bevor er überhaupt ihren Namen kannte: Elvira „Hedda“ Madigan.
Kapitel 1, Szene 1 ist online, frisch und unüberarbeitet – aber nur für wenige Tage! Ich freue mich über eure Kritik, euer Feedback, eure Fragen!
1 Helsingør 1887
Die Freitagsausgabe der Helsingør Posten lag auf dem kleinen wackeligen Schreibtisch, den man mir in eine dunkle Ecke geschoben hatte. Sie sah aus, als dürstete sie nach jemandem, der die vielen entbehrbaren Neuigkeiten, die sie enthielt, aufmerksam zur Kenntnis nehmen und für belangreich erachten würde.
Unsicher darüber, was man in der Redaktion von mir erwartete, freute ich mich, das Blatt zur Hand nehmen und mich darin vertiefen zu können. Auf diese Weise entkam ich der Peinlichkeit, untätig zwischen all meinen geschäftig herumeilenden neuen Kollegen herumzustehen. Und ich gewann die Chance, die Kälte zu ignorieren, die sich seit Wochen von einem starken Ostwind in alle Winkel Helsingørs hatte treiben lassen, sowie die Rechnungen, die Mutter mir nun fast täglich stumm und ohne jeden Vorwurf, aber mit traurigen Augen vorlegte.
Doch lange würde die Not nicht mehr anhalten – das hatte ich ihr vergewissert und mir geschworen, kaum dass ich den Vertrag als leitender Feuilletonredakteur der Helsingør Posten unterzeichnet hatte. Wobei die Bezeichnung leitender Redakteur natürlich arg übertrieben war, denn außer mir gab es keinen Angestellten fürs neu zu etablierende Feuilleton, für das mir im Übrigen ganze zwei Seiten in der Sonntagsausgabe vorbehalten waren.
Aber alle großen Ereignisse und alle großen Pläne starten mit einem winzigen Schritt, sprach ich mir selbst Mut zu. Und da Christiansen auf sich warten ließ, zog ich die Politiken aus meiner alten Schultasche, die mir als Aktentasche noch gut genug schien, und schlug zielsicher den bemerkenswerten Artikel über Georg Brandes auf, den ich zwar schon zweimal gelesen hatte, der mir aber von unvergleichbarer sprachlicher Brillanz erschien.
„Politiken? Ich hoffe, nur um zu studieren, wie man es besser nicht machen sollte.“
Ich hatte ihn nicht kommen hören. Obwohl von plumper Gestalt, hatte Christiansen diese Art, sich durch die Räume zu bewegen, als wäre er unsichtbar. Umso einschneidender traf einen jedes Wort, das messerscharf an die eigene Person gerichtet war. Er machte keine Umwege, liebte es nicht, seinen Worten etwas Einleitendes voranzustellen, sondern kam stets sofort auf den Punkt. Widerworte konnte er mit einer einzigen Geste beiseite wischen. Und doch war er kein Mann, der blinden Gehorsam erwartete. Es war eher Langeweile, die ihn so abweisend erscheinen ließ, eine Langeweile, die ihn überfiel, sobald man ihm mit Argumenten kam, die er als abgedroschen oder floskelhaft empfand.

„Immerhin haben sie ihre Auflage seit Erscheinen bereits mehr als verdreifacht“, versuchte ich zu argumentieren, bereute meine Worte aber sofort, als ich sah, wie sich sein Blick sorgenvoll verdunkelte.
„Ja, in der Hauptstadt“, erwiderte er barsch, „wo sich intellektuell überfüttertes Volk für revolutionär hält, wenn es nur irgendwas lesen kann, worin es um eine liederliche Lebensweise und um den Gestank von Pisse geht“, schloss er das Thema ab. „Aber was ist mit uns?“, fragte er dann fast liebevoll und trat ein Stück näher an meinen Schreibtisch.
„Ich dachte, wir starten mit etwas, was garantiert Auflage bringt“, antwortete ich stockend. „Eine Debatte um die Gleichheit von Frauen und Männern, natürlich mit literarischem Bezug. Der Streit von Georg Brandes und Elisabeth Grundtvig als Ausgangspunkt, aber natürlich können wir mit Charlotte Klein und ihren Lesevereinen für Frauen auch einen lokalen Bezug herstellen, damit …“
„Ausgeschlossen“, fiel Christiansen mir ins Wort.
„Ja“, sagte ich, „Helsingør ist nicht Kopenhagen. Aber die Debatten haben das ganze Land erregt und …“
„Die Debatte ist beendet“, sagte Christiansen. „Viggo Hørup wurde verurteilt und hat für den Fehler seines schreibenden Revoluzzers bezahlt. Niemand interessiert sich mehr dafür, schon gar nicht hier. Was hast du sonst im Angebot?“
Ich musste passen. Ich hatte mich so in meine Idee verliebt, dass es mir gar nicht in den Sinn gekommen war, man könne sie ablehnen.
„Gut“, sagte Christiansen und legte mir ein schmales Buch mit einem langweiligen graugrünen Einband auf den Tisch, „dann habe ich etwas für dich. Sixten Sparre, schwedischer Dragonerleutnant. Gedichte. Du schreibst eine Rezension.“
„Gedichte von einem schwedischen Dragoner?“
„Ja. Und gar nicht mal so übel.“
„Aber warum?“
Christiansen beugte sich ein wenig vor. „Du bist hier, um das Feuilleton aufzubauen, nicht um es zu revolutionieren. Sauber. Stark. Gewinnbringend und daher mit Blick auf unsere Abonnenten und Anzeigenkunden.“
Ich dachte an meine Mutter, an die Miete, an den Metzger, der schon zweimal gefragt hatte, wann die Rechnung beglichen werde. Ich dachte an Lones und Vaters leere Plätze am Tisch, den Mutter Abend für Abend für vier Personen eindeckte. Als wären sie nur für kurze Zeit in den Sommerferien und nicht von einem einfahrenden Zug erfasst worden, gerade als Lone in ihrem schönsten Sommerkleid Vater ein Stueck ihres Geburtstagskuchens auf Arbeit brachte.
„Angenommen“, sagte ich, nicht ahnend, dass ein einziges kleines Wort die innere wie die äußere Welt in Trümmer schlagen kann. Es war der erste Verrat, den ich in dem Wunsch beging, mich vom unbekannten Schreiberling zum anerkannten Literaten hochzuarbeiten, aber es würde gewiss nicht der letzte sein.
Liebe Sabine – da bist du ja unermüdlich fleißig – erst die Sprache so schnell erlernt und nun dein neuer Roman. Ich musste mich erst einlesen.
Da sind zwei Wiederholungen, herumstehenden und herumeilenden. Ich bin ja so ein Gefühlsmensch und da erscheint mir die Situation Armut der Mutter nur kurz erwähnt. Auch der Tod des Vaters u der Schwester hast du nur kurz angerissen. Das könnte den Anfang des Romans m.E menschlich füllender und die Situation Armut und Schicksal nachvollziehbarer machen. Den Ausdruck „ auf Arbeit“ kenne ich nur von den ‚einfachen‘ Ossis – „ bei uns uff Arbeit „ und nicht „ auf der Arbeit“.
Ich wünsche dir weiterhin Schreiblust – lass die Feder schwingen.
Herzlichst Hanni ⭐️
Vielen Dank, dass du mir deine unermüdlichen und wachen Augen leihst, Hanni!
Ich werde gewiss noch mehr als einmal „drübergehen“ müssen!