von David L. Ulin. Originaltitel: The Lost Art of Reading – Why Books Matter in a Distracted Time.
”Hvordan kan vi holde en pause, når vi skal vide alt med det samme? Hvordan kan vi ruminere, når der konstant er en forventning om, at vi skal svare?”
„Wie können wir innehalten, wenn wir alles sofort wissen müssen? Wie können wir nachdenken, wenn ständig von uns erwartet wird, dass wir reagieren?“
„Der Leser, der verschwand“
Stell dir vor, du gehst zum ersten Mal in eine dir noch unbekannte Bibliothek. Neugierig durchstreifst du die Räumlichkeiten, ziehst hier etwas heraus, stellst dort etwas zurück, freust dich, alte „Bekannte“ zu treffen, und suchst nach dem einen Buch, das dir jetzt gefallen könnte.
Und dann hältst du es plötzlich in Händen, ohne dass ein Algorithmus es dir vorgeschlagen hat, einfach, weil du deiner Intuition gefolgt bist. Noch interessiert es dich nur, der Titel klingt nach etwas, was dich begeistern könnte. Zu Hause nimmst du es zur Hand, vertiefst dich darin und findest dich in einem großen Erstaunen wieder.
Denn aus all den Tausenden von Büchern hast du ausgerechnet jenes ausgesucht, das dich mitten ins Herz trifft und einen verdorrten Zweig neu aufblühen lässt: die Liebe zum Lesen als inniger Akt der Versenkung.
Sich die Welt zu eigen machen: Lesen als stummer Dialog
In „Læseren der forsvandt” geht David L. Ulin auf 190 Seiten der Frage nach, was das Lesen eigentlich (für ihn) bedeutet. Er nimmt uns mit in die Anfänge seiner Leserbiografie, die von Ungeduld und einem Lesehunger geprägt war, der sich nicht als wählerisch erwies, sondern Gefallen an verschiedenen Geschmacksrichtungen fand.
Ulin beschreibt die Intimität, die einst zwischen Leser und Buch bestand, die Stille des Momentes, die es ermöglichte, ganz in eine fremde, neue Welt einzutauchen; das Gefühl, Teil von etwas Großem, die Welt und die Zeit Umspannenden zu sein: einer Literatur, in der alles aufeinander Bezug nimmt.
Diese Intensität des Lesens ist für heutige Leser und Leserinnen kaum noch nachvollziehbar, auch dann nicht, wenn sie sich sehnsuchtsvoll daran erinnern. Denn Lesen ist nicht nur die Kunst, in einen stummen Dialog mit der Welt der anderen zu treten, Lesen verlangt auch die Disziplin und die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, sich der Welt zu nähern, indem man ihre beständigen Angebote, sich abzulenken, dankend zurückweist.
Lesen als Akt des Widerstandes
Lesen, wie man es in vordigitalen Zeiten gelernt und ausgeübt hat, lässt sich daher heute schon wie ein Akt des Widerstandes begreifen, Widerstand gegen das Überschüttetwerden mit Worten, Geräuschen, Informationen, Zeichen, Filmen, Bildchen und Diskussionen, die, ohne dass wir Fragen nach deren Sinnhaftigkeit stellen, ununterbrochen auf Bildschirmen aufploppen.
Selbst der geübteste Leser ertappt sich dabei, dass er während des Lesens schon wieder daran denkt, noch eine Mail zu öffnen, einem Link zu folgen, eine Information zu überprüfen oder dies und das am Laptop zu erledigen.
Er sieht sich zudem einer Informationsflut ausgesetzt, in der er beständig aufgefordert ist, alles sofort wissen zu müssen, auf alles eine Antwort zu haben, ohne dass es noch einen Zusammenhang zwischen den Fragen oder Nachrichten gibt, die täglich auf uns einprasseln.
Gleichzeitig sieht er sich mit einem Verlust an Ausdrucks- und Differenzierungsfähigkeit konfrontiert, die dazu beiträgt, dass nur noch allerbanalste Gedanken und Informationen verstanden und verarbeitet werden können. Denn anders als die Sprache, ist das Bild bezogen aufs Individuum nicht interaktiv, im Gegenteil:
”Her har vi den vigtigste forskel mellem bøger og billeder, levende eller andre – den måde førstnævnte kommer indefra og ud, mens det er omvendt med sidsnævnte. Sprog er indvendigt, det beder os om at skabe vores billeder, vores film, vores virkelighed ud fra andre menneskers ord. Det er kilden til dets kraft, at det er interaktivt i ordets mest oprindelige betydning.”
„Hier haben wir den wichtigsten Unterschied zwischen Büchern und Bildern, ob bewegt oder nicht – die Art und Weise, wie erstere von innen nach außen kommen, während es bei Letzteren umgekehrt ist. Sprache ist inwendig, sie fordert uns auf, unsere Bilder, unsere Filme, unsere Realität aus den Worten anderer Menschen zu erschaffen. Das ist die Quelle ihrer Kraft, dass sie im ursprünglichsten Sinne des Wortes interaktiv ist.“
Lesevergnügen, das hoffen lässt
Doch ist „Der Leser, der verschwand“ beileibe keine technikfeindliche oder einseitig nostalgische Rückschau. Was nach einer aussichtslosen Geschichte klingt, wird getragen von der Hoffnung, dass das Lesen selbst als Kulturtechnik nicht verschwinden wird, auch wenn es sich verändert. Ob diese Hoffnung Bestand haben kann, oder ob sie lediglich aus dem Wunsch rührt, in der Welt, in die die eigenen Kinder hineinwachsen, noch etwas Tröstliches zu finden, lasse ich dahingestellt.
Ulin selbst leistet aus meiner Sicht mit diesem Buch einen großartigen Beitrag dazu, uns Leser und Leserinnen daran zu erinnern, wie atemberaubend oder atemberuhigend und intensiv das Lesen einmal für uns war und vielleicht, wenn wir uns diese Fähigkeit zurückerobern, zumindest annähernd wieder sein könnte.
Lesenswerte Zusammenschau: persönliche Erinnerung und fachliche Einordnung
Ulins essayistischer, wortgewandter Schreibstil, sein beeindruckendes Wissen um die amerikanische, aber auch um die internationale Literatur machen das Lesen zu einem Vergnügen, auch wenn man wie ich noch mit der dänischen Sprache ringt. Persönliche Erfahrungen werden um fachliche Ausführungen ergänzt, die kurz und leicht verständlich erklären, wie moderne digitale Technologien auf unsere Fähigkeit zum Lesen einwirken, wie sie innerhalb kürzester Zeit unsere Hirnaktivität sowie Wahrnehmung verändern.
Darüber hinaus geht Ulin auf den Wandel der Kommunikationsformen ein, in dem wir uns nun seit mehreren Jahrzehnten befinden, und vergleicht ihn mit eben jener Epoche, in der die Druckerpresse den Übergang von einer oralen zu einer schriftbasierten Ordnung ermöglichte, mit ebenso großartigen wie fatalen Auswirkungen für den einzelnen wie für die geostrategische „Neuordnung“ der Welt. (Wie ich selbst darauf blicke, könnt ihr hier oder auch hier nachlesen. In meinem dystopischen Roman „Objektiv“ befasse ich mich zudem mit der Frage, wie visuelle Technologien das Sehen verändern.)
Neben Autoren wie F. Scott Fitzgerald (Der große Gatsby) oder Franz Kafka (Die Verwandlung) werden daher auch bedeutende Medientheoretiker wie Marshall McLuhan oder Walter J. Ong zitiert.
„Læseren der forsvandt” umfasst in dänischer Sprache 196 Seiten. Das Buch erschien ursprünglich in englischer Sprache unter dem Titel: The Lost Art of Reading – Why Books Matter in a Distracted Time. Mir gefällt der dänische Titel deutlich besser, weil er mit der Vieldeutigkeit dieses Verschwindens und mit der Fähigkeit spielt, zwei Gedanken, die einander widersprechen, zu denken, ohne darüber verwirrt zu sein. Eine Kunst, die Ulin zufolge, insbesondere Autoren und Leser eint und die in den endlosen Onlinedebatten heute kaum noch vorzufinden ist.
Autor, Übersetzerin, Verlag
Kritiker, Essayist, Herausgeber, Schriftsteller, Dozent: Der Amerikaner David L. Ulin ist durch und durch ein Mann des Buches. Ein Leser, der nicht nach Inhalten oder Informationen jagt, sondern den Akt des Lesens selbst genießt. Ausgangspunkt für das vorliegende Buch ist ein Essay, den er für die Los Angeles Times schrieb; Anlass war ein Gespräch mit seinem Sohn über das Lesen, das Ulin zu der schmerzhaften Einsicht brachte, dass sich seine eigene Art zu lesen bereits an das Brummen des digitalen Zeitalters angepasst hat.
Ins Dänische übertragen wurde das Buch von der dänischen Übersetzerin und Autorin Lotte Kirkeby Hansen. Hansen hat mehrere Fachbücher mit herausgegeben, 2016 debütierte sie als Novellenautorin, 2019 wurde ihr erster Roman De Nærmeste für den dänischen Radiopreis nominiert.
Der Verlag Jensen & Dalgaard ist ein inhabergeführter Buchverlag mit den Schwerpunkten Belletristik, Sachbuch („Gesellschaft und Existenz“) und Kinderbuch. Beim Stöbern auf den Verlagsseiten fielen mir nicht nur weitere spannende Titel auf, auch die Liebe zur Gestaltung fällt hier sofort ins Auge.
Die englischsprachige Ausgabe unter dem Titel „The Lost Art Of Reading“ findet ihr auf allen bekannten Verkaufsseiten, als Printausgabe und als E-Book, zum Beispiel bei Amazon.
Bibliografische Angaben
Titel: Læseren der forsvandt – Bogens betydning i en distraheret tid
Autor: David L. Ulin
Übersetzerin: Lotte Kirkeby Hansen
Verlag und Jahr: Jensen & Dalgaard, 2019
ISBN: 978-87-7151-515-2
Preis: 268,00 kr.
Lieber Edgar,
was für eine schöne Überraschung, wie gerade ein Glücksfund auf den nächsten folgt.
Deine Einwände sind natürlich berechtigt, nur: Sie stammen von einem Leser, wie man ihn sich als Autor nur wünschen kann, einem Mann des Buches, der du ja auch bist. Wir alten vordigitalen Dinosaurier sollten gewiss nicht ins Klagen verfallen und ja, ich gebe dir völlig recht: Es ist tausendmal besser, über das Lesen zu sprechen, als über dessen Verlust zu greinen. Und genau das tut Ulin, genau das beschreibt er so intensiv, dass ich mich plötzlich wieder an diese Zeit zu erinnern vermochte, in der mir das Lesen neue Türen, Zugänge, Ausflüchte und innige Momente der Versenkung ermöglichte.
Elektronische Medien vermögen das nicht und sie sind auch nicht dafür gedacht. Sie wenden sich an Menschen, die Informationen scannen, die es immer eilig haben und die erwarten, dass ihnen alles möglichst einfach, übersichtlich und in kleinen Häppchen dargereicht wird. Und ja, das Starren auf Bildschirme verändert unsere Art, zu schauen – genauso, wie es einst das Verfolgen schwarzer Linien auf Papier getan hat, die nicht mehr in die Welt hinaus, sondern auf uns selbst zurückdeuten. Es ist spannend, diesen Umbruch von der Welt des gesprochenen Wortes in die Welt des gedruckten (nicht: geschriebenen) Wortes mit dem heutigen Umbruch zu verfolgen.
Aber wie auch immer, wenn es gelungen ist, deine Neugier auf Ulins Buch zu wecken oder zu erhalten, dann bin ich froh, ein klein wenig zurückgegeben zu haben.
Hab eine gute Lesezeit im verschneiten Bremen und liebe Grüße aus Jylland! Ich hoffe, wieder von dir zu lesen!
Sabine
Ein sehr schöner Beitrag. - Kleine Anmerkung: Ich weiß nicht, ob man die verschiedenen Medien gegeneinander ausspielen muss. Man kann in einem Buch lesen, es unterbrechen, sich Informationen besorgen, einen Film sehen, seiner Alltagstätigkeit nachgehen und wieder ein paar Seiten lesen.
Die „Informationsflut“ existiert für mich nicht. Die Auswahl an Informationen, die man braucht, ist sogar leichter, als das richtige Buch zu finden. Ich hab mir die Defensive in Sachen Lesen abgewöhnt. Ich rede auch in Anwesenheit von Nichtlesern über Bücher. Das ist die beste Beglaubigung der Realität des Lesens, die es gibt. Ich meine sogar, dass es besser ist, als die Wehklagen oder die Aufforderung an andere, zu lesen. Und es wirkt auf den Nichtleser. Klagen bestätigt den Desinteressierten.
Das richtige Buch zu finden – und das hast du mit dem Entlangwandern an den Regalreihen in der Bibliothek auch treffend beschrieben – ist oft ein sprechender Glücksfall. So wie es für mich ein Glücksfall ist, auf deinen schönen Artikel gestoßen zu sein. Ich hoffe, das Buch von David L. Ulin gibt es bald auf Deutsch. Viele Grüße nach Dänemark aus Bremen